Eine Geschichte in einer fremden Sprache
16.03.2026
Meine Bücher gibt es inzwischen auch auf Englisch.
Das klingt zunächst nach einem naheliegenden Schritt. Eine größere Leserschaft, ein größerer Markt, mehr Möglichkeiten. Aber darum geht es mir an dieser Stelle nicht.
Mich interessiert etwas anderes.
Was passiert mit einer Geschichte, wenn sie ihre Sprache wechselt?
Ich schreibe auf Deutsch. Nicht, weil ich es mir ausgesucht habe, sondern weil meine Gedanken dort entstehen. Figuren sprechen in dieser Sprache, Dialoge entwickeln ihren Rhythmus daraus, Entscheidungen tragen eine bestimmte Klangfarbe. All das ist eng miteinander verbunden.
Eine Übersetzung ist deshalb nie nur ein technischer Vorgang.
Wörter lassen sich übertragen. Bedeutungen oft auch. Aber das Gefühl, das zwischen den Zeilen entsteht, ist schwerer zu greifen. Ein Satz, der im Deutschen genau richtig wirkt, kann im Englischen plötzlich zu direkt sein. Oder zu weich. Oder einfach nicht mehr das treffen, was er ursprünglich sollte.
Ich arbeite bei der Übersetzung mit KI.
Nicht, weil ich den Prozess aus der Hand geben möchte, sondern weil meine eigenen Englischkenntnisse dafür nicht ausreichen würden, eine Geschichte sauber in eine andere Sprache zu überführen. Die KI ist dabei ein Werkzeug, das mir eine Grundlage liefert. Einen ersten Entwurf, der das Original möglichst nah abbildet.
Aber auch hier gilt: Der eigentliche Prozess beginnt danach.
Ich lese, vergleiche, passe an. Ich prüfe, ob Dialoge noch funktionieren, ob Figuren sich noch gleich anfühlen, ob Entscheidungen dieselbe Wirkung haben. Manchmal bleibt ein Satz nah am Original. Manchmal muss er sich vollständig lösen, um im Englischen das zu erreichen, was er im Deutschen bereits hatte.
Dabei entsteht zwangsläufig ein Abstand.
Die Geschichte bleibt dieselbe, aber sie klingt anders. Sie bewegt sich anders. Sie ist nicht mehr vollständig identisch mit dem, was ich ursprünglich geschrieben habe. Und genau das ist der Punkt, an dem Übersetzen interessant wird.
Es geht nicht darum, eine exakte Kopie zu erzeugen.
Es geht darum, eine zweite Version zu schaffen, die in einer anderen Sprache funktioniert, ohne ihre Herkunft zu verlieren.
Ob das immer gelingt, lässt sich schwer beurteilen.
Aber es ist ein Prozess, der die eigene Geschichte noch einmal aus einer neuen Perspektive sichtbar macht.